Die Bedeutung eingeweihter Persönlichkeiten
für unsere heutige Kultur

Es mag eigentümlich erscheinen: Auf der einen Seite haben wir in unserer Gesellschaft eine große Angst vor Autoritäten oder vor Menschen, die uns sagen wie wir zu leben haben, wie wir Werte und Inhalte in unser Leben führen. Dies mag, wenn wir in unserer Geschichte allein die letzten 100 Jahre zurückblicken, durchaus gesund und nachvollziehbar sein. Schließlich ist das Recht auf Selbstbestimmung doch einer der wichtigsten Errungenschaften unserer Kultur. Auf der anderen Seite aber kann man doch sehr erstaunt sein darüber, wie häufig ein massiver Autoritätsglaube scheinbar unantastbar in unserem Blute wallt. Wie ist das zu verstehen?

Gerne lese ich in den Online-Nachrichten auch die Kommentare die jeder Leser zu den verschiedenen Artikeln unkompliziert und direkt verfassen kann. Ganz besonders wenn es um ganzheitliche Themen wie bspw. Homöopathie, Vegetarismus, Nahtod-erfahrungen oder allgemein auch um spirituelle Inhalte geht, bin ich nicht selten perplex mit welcher Vehemenz und eisenhartem Selbstbewusstsein hier von sehr Vielen gegen jedwede Form ganzheitlichen Denkens gewettert wird. Dabei ist es gar nicht einmal der konträre Standpunkt mit dem ich nicht zurecht käme. Es ist vielmehr die so leichtfertige Art, mit der auf oftmals zersetzende und vernichtende Weise die Sicht des Andersdenkenden verurteilt und kompromittiert wird. Diese nicht selten völlig fehlende Pietät im kommunikativen Umgang wäre aber sicher ein eigenes Thema, welches an anderer Stelle behandelt werden kann.



Die Ambivalenz autoritativer Glaubensvorstellungen

Erstaunlich aber ist, wie sehr viele Menschen dabei argumentieren. Die heutige Wissenschaft scheint eine solche unantastbare Autorität zu sein, aus der man ableitend urteilt, dass es Dieses oder Jenes nicht geben könne, weil es nach Maß, Zahl und Gewicht wissenschaftlich nicht existiere oder etwas auf eine reine Organfunktion oder auf ein physikalisches Gesetz zurückzuführen sei. Ja, wir sind stolz darauf scheinbar jedes Phänomen durch die Naturwissenschaft erklären zu können. Neulich las ich in der Zeitschrift ’Psychologie und Geist’ aus der Reihe ’Spektrum der Wissenschaft’ von einer Professorin für Philosophie, dass wir ja heute nun weiter seien als Aristoteles oder Platon, da diese ja noch in einer Ideenwelt gefangen waren und kein ’schulmedizinisches’ Wissen hatten und wir heute ja wüßten woher das was wir als Seele bezeichnen komme (nämlich aus dem Gehirn) und wir den Begriff der Seele und diesen Irrglauben doch endlich loslassen könnten.

Somit ist der eigene Standpunkt nicht selten konform mit dem heutigen Stand der Wissenschaft, die somit zweifelsfrei über Wahrheit oder Unwahrheit entscheidet. Ob sich der Erkenntnisstand der Wissenschaft dabei in vielleicht 20-30 Jahren vollkommen ändern könnte, mag die Verfechter dabei nicht stören. Es existiert nur was nach wissenschaftlichen Methoden beweis-, meßbar und wägbar ist. Der sogenannte Realismus vermittelt das scheinbare Ideal von Eigenständigkeit, Vernunft und Reife im Denken.

Auf der anderen Seite haben wir den vielleicht größten Gegensatz zur Autorität der Wissenschaft und das wäre die Autorität des Glaubens. Und zwar der Glaube im Sinne der traditionellen kirchlichen Religionsformen. Die Kirche gibt vor, was gut und böse, was christlich und unchristlich ist. Die durch die Kirchenlehre geprägten Vorstellungen bilden auch heute noch für viele Menschen den moralischen Kompass, der ihnen die Grundwerte für das Leben vorgibt. Sie spricht vom Paradies oder auch von der Hölle - dennoch bleibt ihre Interpretation eine reine Glaubensangelegenheit. Ähnlich vehement wie oben am Beispiel der Naturwissenschaft skizziert, verhält es sich, wenn das traditionelle Wertesystem - ganz besonders wenn es seit der Kindheit vermittelt wurde - in Frage gestellt wird. So finden bspw. in Amerika bis vor das Verfassungsgericht gehende Klagen statt, in denen man versucht die Evolutionstheorie durch die biblische Schöpfungslehre wie sie in der Genesis steht im Schulunterricht zu ersetzen. Die Bibel wird vielfach wortwörtlich ausgelegt, ähnlich wie der Koran. Die Wahrheit unterliegt der Gefahr zum Dogma zu werden, die aber um jeden Preis verteidigt werden muss. Jeder weiß wohl wie zäh und mächtig die traditionellen Glaubenssysteme prägen und damit auch meistens die moralische bzw. religiöse Kollektivmeinung gerade in ländlichen Regionen deutlich vorgegeben ist.

Weiterhin sollte aber ebenso die Autoritätsgläubigkeit vieler esoterischer Richtungen erwähnt werden. Der Mensch ist auf erstaunlich unkomplizierte Weise bereit teilweise sehr abstrakte Erklärungsmodelle einer spirituellen Weltsicht einfach zu übernehmen ohne diese weiter in ihren logischen Zusammenhängen prüfen oder darstellen zu können. Nicht die jeweilige Sicht soll hier kritisiert werden, sondern nur auf das Phänomen eines leider oftmals unkritischen Übernehmens sogenannter Wahrheiten hingewiesen werden.


Die Frage nach der eigenständigen Erkenntnissicht

Jetzt stellt sich aber die so entscheidende Frage: Kann der Mensch selbst zu einer eigenen Erkenntnissicht kommen oder muss er sich entweder einem reinen Glaubenssystem zuordnen bzw. sich einer wissenschaftlichen Lehrmeinung anschließen? Und weiterhin: Gibt es Menschen mit einer spirituellen Erkenntnissicht die als objektiv gelten kann?

In früheren Kulturen, bspw. in der ägyptischen, gab es immer führende Persönlichkeiten, wie bspw. den Pharao, der an der Spitze des Staates stand. Dieser Pharao war gleichzeitig eine eingeweihte Persönlichkeit, d.h. eine reife und entwickelte Seele, die auch ein konkretes Wissen über die sogenannten geistigen oder auch nachtodlichen Zusammenhänge besaß. Auch wenn wir sicher in keinster Weise wieder - man denke an die jüngere Geschichte - einen Führer haben möchte, so muss doch die Frage ob es Menschen mit einer klaren und objektiven Erkenntnissicht gebe mit einem deutlichen ja beantwortet werden.


Die Person des Eingeweihten als Ausdruck eines seelisch-geistig reif entwickelten Menschen

Der Begriff des Eingeweihten mag für unsere heutige Zeit mystisch und abstrakt erscheinen. Eingeweihte Persönlichkeiten gab es aber zu allen Zeiten und in allen Kulturen. Es sind dies Menschen mit einem konkreten Wissen und Einblick in die sogenannten geistigen Welten. Diese geistigen Welten sind in unserer heutigen Zeit des Materialismus nur so sehr aus der Wahrnehmung und dem Bewusstsein entwichen, dass sie im besten Falle noch als eine abstrakte Wirklichkeit angenommen werden können. Diese geistigen Welten sind aber eine Realität, so wie es auch eine Realität der Seele und ein ebenso beschreibbares Leben nach dem Tod gibt und diese jenseitige Welt liegt sozusagen unserer irdischen Welt zugrunde, bzw. ist zutiefst mit dieser verbunden. Sogenannte Heilige waren in der Erfahrung und im lebendigen Wissen dieser mehr geistigen und daher jenseitigen Gesetze tiefer gegründet und ihr Leben wurde zu einem Ausdruck eines Wissens und folgte einer Gesetzmäßigkeit, welche vielfach konträr zum irdischen Leben und den weltlichen Maßstäben verlief.
Der Begriff des Eingeweihten soll aber hier vom Begriff des Heiligen unterschieden werden. Die eingeweihte Persönlichkeit ist seelisch so reif und durch langjährige Schulung soweit entwickelt, dass sie in die geistigen Welten und deren Zusammenhänge unmittelbar aus einer klaren und wachen Führung des Bewusstseins diese einsehen, sich darin bewegen und aus dieser berichten kann. Keinesfalls sollte dies als träumerischer, medialer oder infantiler Bewusstseinszustand verstanden werden. Der Mensch wird für die höheren Grade der Einweihung erst reif und dieser einsichtig, wenn er über lange Zeit hinweg gelernt hat sein Bewusstsein und Seelenleben nach den Gesetzmäßigkeiten einer seelisch-geistigen Wirklichkeit hin sorgfältigst zu schulen. Höchste Selbstkraft, Disziplin, Mut, Sorgfalt und Ausdauer sind beispielhafte Eigenschaften die auf dem Weg der Einweihung errungen werden müssen.

Beispiele für Eingeweihte Persönlichkeiten sind Swami Sivananda, Yogananda oder auch Sri Aurobindo im Osten, wie Rudolf Steiner,
Omraam Mikhaël Aïvanhov oder auch heute noch lebend Heinz Grill im Westen. Gerade Rudolf Steiner war es ein zentrales Anliegen den spirituellen Übungsweg in ein zeitgemäßes Verständnis zu führen und für die gesamte Kultur und den Menschen verfügbar zu machen. Weiterhin wollte er die verschiedenen Fachbereiche wie Medizin, Künste, Landwirtschaft, Pädagogik, Architektur, etc. mit einer spirituell-geistigen Sichtweise durchdringen und dadurch in einen integralen Zusammenhang führen, wie es exemplarisch mit der Waldorfpädagogik oder auch der anthroposophischen Medizin beginnend gelungen ist. Ihm war es ein Anliegen eine geistige Sicht in einen irdischen Zusammenhang zu führen und somit mehr eine Synthese von Geist und Welt zu fördern, in der der Mensch lernt seine schöpferischen Kräfte eigenaktiv ausprägen und die Welt damit zu durchdringen. Rudolf Steiner sprach ganz bewusst von der Geisteswissenschaft und er bemühte sich ein Leben lang darum, die Gesetzmäßigkeiten einer seelisch-geistigen Wirklichkeit objektivierbar und durch konkret nachvollziehbare Schulungsschritte auch erfahrbar zu machen. (R. Steiner: ‘Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten’ - Verlag am Goetheanum).


Die Ausgrenzung eingeweihter Persönlichkeiten
aus dem öffentlichen Dialog

Gerne werden spirituelle Persönlichkeiten wie Rudolf Steiner oder auch Heinz Grill dahingehend kritisiert, dass ihr Standpunkt ein elitärer weil nicht sofort nachprüfbar und entweder mit der herkömmlichen Wissenschaft oder eben auch mit der Bibel nicht vereinbar sei. Sowohl die christlichen Kirchen als auch die heutige Wissenschaft lehnt die Möglichkeit einer eigenen, objektiven Erkenntnisfähigkeit entschieden ab. Von kirchlicher Seite kollidieren natürlich viele Aussagen einer spirituellen Erkenntnissicht mit den tradierten Vorstellungen über das Christentum und das Wesen der Seele. Dies verwundert nicht wenn man bedenkt, dass die Bedeutung des Karma- oder auch Reinkarnationsgedankens, wie auch Ausführungen zum nachtodlichen Leben die konventionelle Sicht wie auch die Institution der Kirche und ihre Machtposition deutlich in Frage stellen.

Die Geisteswissenschaft wie sie Rudolf Steiner in diesem Verständnis benannt hat, unterliegt sehr wohl wissenschaftlichen und konkret-objektiven Gesetzmäßigkeiten, nur bedarf es nun auch entsprechende Kriterien anzulegen, die dem Wesen zur richtigen Beurteilung angemessen sind. Die metaphysische Realität des Gedankens als eine vom menschlichen Gehirn und Körper freie Existenz wird man (zumindest derzeit) mit den besten Geräten nicht sichtbar machen können, obwohl die Natur des Gedankens hellsichtig erfahrbar ist und konkreten Gesetzmäßigkeiten unterliegt.

Unsere heutige Zeit ist durch einen sehr dominanten und resistenten Materialismus geprägt, der eine geistige Wirklichkeit leider ausschließt. Nichts bräuchte unsere heutige Kultur aber notwendiger als die belebenden und hoffnungsvollen Inhalte einer zeitgemäßen spirituellen Erkenntnissicht, die vielmehr auch das Wesen der Seele und der menschlichen Entwicklung, wie auch ein Wissen über das vorgeburtliche oder auch nachtodliche Leben
eröffnen kann. Auch bei einem schier sich ständig überschlagenden Forschungsstand unserer heutigen Wissenschaft und trotz eines unglaublich umfassenden Kirchenapparates erlebt sich die Kultur heute in einer tiefen Sinnkrise.


Die kulturerneuernde Impulskraft
tief initiierter Menschen


Rudolf Steiner versuchte seinerzeit teilweise intensiv in den Wirren vor und um den ersten Weltkrieg die politische Situation zu beeinflussen. Seine Ansichten wurden sehr Ernst genommen aber es fehlte vielfach der Mut verantwortlicher Persönlichkeiten diese zur Umsetzung zu führen. Ähnlich bemüht sich heute Heinz Grill in den verschiedenen Lebensbereichen konkrete Lern- und Gestaltungsansätze zu vermitteln wie nach spirituellen Grundsätzen ein förderlicher Aufbau und zeitgemäße Realisierungsschritte einer Synthese von Geist und Welt praktisch möglich sein kann. Solange wir aber den Wert einer spirituellen Kapazität eines Menschen nicht erkennen und wertschätzen können, so werden wir auch blind bleiben gegenüber dem, was da in unsere Kultur als neue und hoffnungsvolle Impulse hinein möchte. Niemals war es die Intention von Heinz Grill oder auch Rudolf Steiner zu einer besonderen Anerkennung zu gelangen, eine Heilslehre zu verkünden oder sonstige Absolutheiten auszusprechen. Sie haben ihre Möglichkeiten immer freiheitlich angeboten und sich allem Dialog im Besten Sinne geöffnet. Mehr denn je geht es um die Würde und Freiheit des Menschen und die Entwicklung seiner Individualität im Lichte seelisch-geistiger Entwicklungszusammenhänge. Warum aber ist dieser Dialog in der heutigen Zeit nach außen so wenig gewollt? Ja vielfach erlebt man, wie in anderen Beiträgen bereits beschrieben, oftmals einen regelrechten Hass auf das sogenannte Geistige. Wenn wir aber nur an unseren bisherigen und nicht selten fixierten Vorstellungen festhalten und diese konservieren oder zur Absolutheit erheben wollen, dann wirken wir tatsächlich der Entwicklung entgegen und mögen vielleicht noch stolz darauf sein das ’Gute’ und ’Wahre’ bewahrt zu haben.

Spiritualität sollte mehr denn je heute konkret, beschreibbar sein und rational den Menschen sozialfähiger, selbstständiger und im richtigen Verständnis auch universaler machen. Wir sollten aber den Blick auf jene Personen richten, die in diesem Sinne wertvollste und tiefe Kulturimpulse gesetzt haben und setzen. Leider haben wir heute vielfach den Wert für die seelische Größe eines Menschen verloren. Die Sicht für die geistige und spirituelle Substanz eines Menschen existiert im sozialen Kontext eigentlich nicht. Vielmehr klammern wir uns an schnelle Urteile, denen es an wirklicher Anschauung und Beziehung zum Gegenüber zumeist ermangelt.

Wenn wir beginnen das Werk großer Menschen wie es bspw. Rudolf Steiner, Sri Aurobindo oder auch Heinz Grill sind anzuschauen und um erste eigenständige Übungsschritte auf diesem weiten Feld ringen, werden wir wohl erst die wertschätzende Achtung ihrer seelischen Größe und Bedeutung gewinnen für die enorme Pionierarbeit die solch wertvollste Menschen für die Welt und Kultur beigetragen haben.