Zwei Fragen an Heinz Grill

Im Folgenden habe ich mich mit zwei Fragen schriftlich an Heinz Grill gewandt, die mich in der aktuellen Diskussion sehr beschäftigen. Ich möchte diese Fragen und ihre Beantwortung durch Herrn Grill gerne an dieser Stelle veröffentlichen:

1. Frage:
Was sagen Sie dazu, dass die Kirche Sie als nicht christlich bezeichnet und die Familie Bornschein Sie mit heftigsten Beleidigungen und Sektenvorwürfen in der Öffentlichkeit denunziert? Mich würde Ihre Meinung dazu interessieren.

Heinz Grill:
Eine Kirche mit Wahrheitsansprüchen ist nicht zeitgemäß. Noch weniger zeitgemäß sind die Sektenreferenten, die andere als nicht christlich bezeichnen und verfolgen. Maximal kann eine Kirche eine karitative Einrichtung sein. Hätte die Kirche in Glaubensfragen nicht versagt, so gäbe es heute kein Problem mit dem Islam. Eine Einrichtung kann nicht spirituell oder geistig sein, nur der einzelne Mensch kann sich durch Erkenntnisse und Bemühungen zur Geistigkeit weiter entwickeln.

Die heutige Spiritualität entwickelt sich frei von Glaubensgemeinschaften, Gruppen und Kirchen. Wer heute Spiritualität ernsthaft leben möchte, muss den Mut zur Freiheit aufbringen und sich gegen die emotionalen und materialistischen Zwänge von Glaubenszugehörigkeiten und kategorische Definitionen wehren. Der heutige spirituelle Mensch wird zum Verschwörungstheoretiker, Häretiker oder muss das gravierende Schimpfwort „Sekte“ über sich ergehen lassen.



2. Frage:
Sie haben in einem früheren Buch, das es leider heute nicht mehr gibt, verschiedene Wahrheitsansprüche formuliert. Was sagen Sie dazu?

Heinz Grill:
In Folge der Tatsache, dass für den Leser bei dem Gebrauch des Wortes „Ich“ und beim Aufzeigen einer Erfahrung, die mit diesem Ich verbunden ist, weniger das unmittelbare Erfassen des Gedankens in seiner vorzüglichen Freiheit und ausstrahlenden Wirkung gedacht wird, sondern ein persönliches subjektives Erleben angenommen wird, kam die Verwechslung zwischen Wahrheitsanspruch und Erlebensform auf. Sicher lag es auch an meiner damaligen Naivität, Meditationserlebnisse zu schildern, ohne diese ausreichend auf exoterischer Ebene zu erklären, vielleicht mit der Hoffnung gepaart, dass der Leser selbst sich ein Bild von dem Gesagten machen könne, dass Kritik, und sicher auch in mancherlei Hinsicht berechtigte Kritik aufkam. Die Angriffe der Kirche jedoch lagen nicht auf sachlicher Basis und gaben nicht einmal das nötige Gehör, Erklärungen für diese Meditationssätze abzugeben. Einen ordentlichen Dialog mit kirchlichen Einrichtungen hat es in Deutschland trotz Anfragen meinerseits niemals gegeben. Heute gibt es diese Aussagen über die Meditationen nicht mehr, das Buch, das sie beinhaltet, wurde seit 2002 nicht mehr aufgelegt. An Stelle dieser Meditationen gibt es ausgearbeitete Erklärungen in der Broschüre „Seelenübungen“. Weitere Missverständnisse dürften seitdem vermieden werden.  

Grundsätzlich sind Wahrheitsansprüche und Spiritualität nicht vereinbar. Wer spirituelle Erfahrungen gewinnt, kann diese im bestmöglichen Kontext der Sprache schildern, sie für den Leser durch Beschreibung zugänglich machen, er kann jedoch weder Totalität, noch Absolutheit mit diesen konstatieren. Spiritualität kann sehr unterschiedliche Tiefen und mündige, wie auch unmündige Ausdrucksformen annehmen. Um die Mündigkeit der Ausdrucksform kann man lange Jahre kämpfen.