Die Heilkraft in der
Ãsana

Allgemein assoziieren wir mit Yogaübungen Entspannung, Leichtigkeit, eine zunehmende Beweglichkeit sowie innere Ruhe und Ausgeglichenheit. Tatsächlich lässt sich ohne Übertreibung sagen, dass die positiven Auswirkungen einer einigermaßen regelmäßigen und sorgfältigen Yogapraxis außerordentlich umfassend sind. Nahezu jedes Organsystem des Körpers wird durch die Übungen spezifisch angesprochen. Der Bewegungsapparat - sofern die Übungen fachkundig ausgeführt werden - gewinnt in allen Bereichen eine verjüngende und regenerative Aufbaukraft. Das Nervensystem entlastet sich von den vielerlei überfordernden Einflüssen und erfährt eine wachsende Spannkraft und Stabilität. Weiterhin ziehen das Herz-Kreislauf- wie auch das Hormon- und Atemsystem aus den verschiedenen Übungen einen profunden Nutzen. Die Organe entschlacken sich und werden in ihrer gesunden Funktionalität gekräftigt, der Lymphfluss wird angeregt.

Mit jeder Yogaübung und der damit verbundenen charakteristischen Haltezeit wird eine sogenannte Pranaenergie, welche wir als eine feinstoffliche Lebenskraft verstehen können, auf feine Weise angeregt und ins Fließen gebracht. Diese Anregung des Pranaflusses erlebt der Übende unbewusst als ein körperliches wie auch psychisches Wohlgefühl. Er erlebt sich ruhig, gesammelt und manche bedrückende Last weicht dem Gefühl einer harmonisierenden Leichtigkeit und Gelöstheit. Gerade dieses Erleben eines verjüngenden und harmonisierenden Wohlgefühls im Körper wie auch in der Psyche stellt unbewusst wohl das primäre Motiv für die meisten Yogapraktizierenden dar. Diese Wirkungen einer Übungspraxis mit Yogaãsana sind wünschenswert und sie bereichern auf natürliche Weise den Alltag mit einer verbesserten Lebensqualität.


Die Unterscheidung zwischen einer Heilwirkung
aus dem Körper und aus der Seele


Nun ist aber anzumerken, dass all diese beschriebenen Auswirkungen des Yogaübens noch ganz dem Körper und der damit sehr nah verbundenen energetischen Ebene zuzuordnen sind. Erweitern wir aber den Begriff der Heilung über den Körper hinaus auf eine seelische oder sogar geistige Ebene, so müssen wir nun tatsächlich gänzlich anders die Zusammenhänge betrachten. Unsere gegenwärtige Zeit zeichnet sich sehr stark durch ein Nutz- oder auch Konsumprinzip den Dingen gegenüber aus. Dies verhält sich leider nicht minder im Umgang mit Yoga und den Wirkungen die der Yoga eröffnen kann. Es mag wohl nicht übertrieben sein zu sagen, dass wir in der heutigen Zeit und Kultur ein tieferes Wissen über dasjenige was wir als Seele bezeichnen, wie auch über dasjenige was Heilung im eigentlichen Sinne bedeutet weitgehend verloren haben. Vielmehr lässt sich sogar sagen, dass sehr viele körperliche wie auch seelische Erkrankungen des heutigen Menschen ihren Ursprung in einer wachsenden Entfremdung und Veräußerlichung unserer gegenwärtigen sehr materialistisch geprägten Kultur haben.

Heilung im seelischen Sinne muss immer einhergehen mit bewussten Lern- und Entwicklungsschritten. Das Bewusstseins- und Seelenleben möchte sich durch aktive Wachstumsschritte zu einem reiferen und weisheitsvollerem Leben aufschwingen. Somit lässt sich eine Heilung nach einer seelischen Sichtweise nicht konsumieren. Vielmehr bedeutet Heilung geradewegs das Gegenteil einer mehr passiven oder rezeptiven Erwartungshaltung auf eine blosse Veränderung der Umstände von außen.


Zwei Grundvoraussetzungen für die
tieferen Heilwirkungen der
ãsana

Auf den Yoga bezogen lassen sich zwei Grundvoraussetzungen benennen, damit die tieferen Heilkräfte die mit Yoga entfaltet werden können oder genauer gesagt, die in der Seele schlummern möglich werden: Zum einen bedarf es guter und authentischer Inhalte die den Yoga wie auch die Praxis des Yoga in ihren tieferen Bezügen und Hintergründen beschreiben. Es sollte sich möglichst um originale Schriften einer geistigen Erkenntnissicht handeln, welche aus dem tiefen Wissen um das Wesen der Seele und ihrer Gesetzmäßigkeiten schöpfen. Jene authentischen Inhalte die aus einer wirklichen Einsicht und Reife des Bewusstseins die innere Dimension Yoga beleuchten, tragen in ihrem Kern eine Wahrheit und diese ist untrennbar verbunden mit einer damit verbundenen innersten Wärme und Heilkraft. Wir sollten uns um gute inspirative Quellen des Geistes bemühen. Solche Quellen sind im Osten beispielsweise Sri Aurobindo oder Swami Sivananda, im Westen sind hier vor allem Rudolf Steiner und Heinz Grill zu nennen. Es sei aber doch erwähnt, dass diese Originalinhalte nicht verwechselt werden sollten mit allerlei Sekundärliteratur oder auch medialen Botschaften die heute auf dem esoterischen Markt reichlich angeboten werden.

Zum anderen bedarf es eines gezielten und richtig verstandenen Aktivwerdens unserer seelischen Bewusstseinskräfte. Diese sind das Denken, das Empfindungsleben und der Wille. Diese Seelenkräfte bedürfen eines gezielten Trainings damit sie dem Menschen als eine wachsende und freie Bewusstseinskapazität zur Verfügung stehen. Eine hervorragende Übung stellt es beispielsweise dar, die Ausführungen einer geistigen Erkenntnissicht wiederholt sorgfältig zu lesen und aktiv in eine denkende Betrachtung zu nehmen. Seelisch-geistige Inhalte lassen sich weder mit dem einfachen Gefühl noch mit dem Intellekt verstehen. Es bedarf einer gezielten Hinwendung in Wachheit und betrachtender Anschauung um diese Inhalte, so seltsam dies klingen mag, überhaupt erstmal in ihrer Originalität wahrzunehmen.

So benötigen wir zum einen eine authentische geistige Quelle, die in sich selbst Wahrheit und Heilkraft trägt und es bedarf einer innersten Aktivität und Aufrichtekraft um diesen Inhalten auf seelisch aktive Weise entgegen zu
gehen. Dieses lebendige Studium der seelisch-geistigen Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten richtet uns in unserer Individualität auf und lässt uns in der Seele wachsen.


Die seelisch-geistige Dimension der
ãsana als ihre eigentliche Heilkraft

Heinz Grill nun hat in seinem Neuen Yogawillen genau diese beiden Aspekte auf sorgfältige Weise zusammengeführt. Auf der einen Seite werden die ãsana mit einer profunden seelisch-geistigen Sicht neu interpretiert und damit in ihrem Bedeutungszusammenhang erweitert. Die Yogaübung bleibt somit nicht nur eine Körper- oder Energieübung, sondern sie wird zu einer unmittelbaren Bewusstseinsübung, welche in lebendiger Auseinandersetzung die Seelenkräfte schult und in ihrer Kapazität erweitert. Nicht also der gesundheitliche oder energetische Gewinn den der Übende durch die Körperpraxis erfahren kann spielen hierbei die wesentliche Rolle, sondern das in diesem Sinne zu nennende schöpferisch-aktive Studium der ãsana und ihrer Dimension in Theorie und Praxis, eröffnet einen gänzlich neuen Zugang zum Wesen der Übung. Dieses Wesen der Übung trägt in sich, wenn es auf aktive Weise herausgearbeitet wird eine tiefe Bedeutung für die eigene Entwicklung, da sie mit der Seele selbst verbunden ist. Als eine unmittelbare Heilkraft und den ganzen Menschen tief durchdringende Empfindung kann man sich die schrittweise eintretenden Erfahrungen dieser objektiven, wesenhaften Dimension der Übung vorstellen. Das Üben - und das ist so bedeutungsvoll - setzt dabei nicht an den subjektiven und damit bekannten Körpergefühlen an, sondern vielmehr studieren wir eine tatsächlich objektive Dimension der ãsana, die in der Folge mit ersten profunden Erfahrungen auf uns zurückstrahlt. Die Übung beginnt sich sozusagen in ihrem tieferen und lebendigen Sinngehalt langsam zu eröffnen.


Die Heilkraft der ãsana am praktischen Beispiel

Wie nun lässt sich diese Auseinandersetzung mit der Heilkraft einer
ãsana an einem praktischem Beispiel nachvollziehbar darstellen? Wählen wir hierfür einmal die recht bekannte Stellung des Dreiecks (trikonãsana). Die wiederholte körperliche Ausführung dieser ãsana fördert neben der günstigen seitlichen Flexion der Wirbelsäule vor allem eine freie und tiefe Flankenatmung. Betrachten wir zunächst das Bild der Stellung, so fällt unmittelbar die seitwärts aktive Ausdehnung nach außen oder in den Raum hinein auf. Die Stellung ist besonders durch eine hohe Dynamik und eine aktive nach außen gerichtete Willensbewegung gekennzeichnet. Nun kann der Übende diese dynamische Bewegung auf sinnvolle Weise gliedern lernen. Er achtet zunächst auf einen stabilen Stand der Beine die ca. einen dreiviertel Meter auseinander positioniert werden. Beine und Hüfte bilden sozusagen die stabile Basis der Stellung. Als gegenteilige Qualität werden nun die Arme und Schultern so leicht und entspannt wie möglich bei der Ausführung der ãsana bewahrt und doch in einer sauberen und klaren Form ausgerichtet. Zwischen diesem leichten oberen Pol der Arme und Schultern, sowie dem stabilen Stand der Beine beginnt nun die sehr sorgfältig im Bereich des Sonnengeflechtes angesetzte dynamische und hochaktive Ausdehnung zur Seite. Die ãsana und damit auch der Wille werden im Sinne einer Dreiheit von Stabilität, Dynamik und Leichtigkeit gegliedert und die Ausführung gewinnt in der Folge eine erste befreiende Spannkraft und Weite.

Gleichsam wie die Bewegungsdynamik im Körper nach gegliederten und damit rhythmischen Kriterien in der
ãsana aufgebaut wird, so lassen sich ebenso die Seelenkräfte auf sinnvolle Weise in der Übung aktiv einsetzen und gliedern.
Der Ausführende bewahrt während der Ausführung eine klare gedankliche Übersicht über das Idealbild der Stellung. Weiterhin achtet er auf eine sorgfältige und freie Empfindung gegenüber dem Körper und schließlich platziert er seine Willensdynamik sehr genau in der Flankenregion. Diese Gliederung auf körperlicher als auch besonders auf der Bewusstseinsebene schenkt ihm ein wachsendes Gefühl der befreienden Weite und er beginnt den Raum wie in einer wachsenden Offenheit zu erleben. Er erfährt sich einerseits in einer befreienden Aktivität nach außen, andererseits erlebt er sich in der Folge auch in einer größeren Verbundenheit und Nähe zu seinen Mitmenschen. Diese heilsame Aktivität nach außen und das Erleben eines freien Raumes zu seinen Mitmenschen kennzeichnet im Besonderen die tiefere Heilwirkung von
trikonãsana.


Die Hinzunahme geeigneter Inhalte führt zu
neuen und heilkräftigen Empfindungen


Schematisch lässt sich anhand der folgenden Zeichnung die Bewegungsrichtung im Übungsaufbau der ãsana darstellen. Der Praktizierende bildet sich eine sorgfältige Anschauung und Bewusstheit über die tieferen Zusammenhänge wie sie von Heinz Grill zu den verschiedenen ãsana beschrieben werden. Die Übung wird nun unter Hinzunahme eines geeigneten Gedankens in einen erweiterten Sinnzusammenhang geführt und eröffnet in der Folge ein gänzlich neues Wahrnehmen und Erleben der ãsana. Diese tieferen Empfindungen beginnen somit nicht in der Gewohnheit des bisherigen subjektiven Erlebens oder im Körper, sondern sie resultieren als Folge dieser schöpferischen Auseinandersetzung mit der seelischen Dimension der ãsana.


Pasted Graphic

Die neu hinzukommenden Empfindungen nehmen ihren Ursprung in der Übung selbst, die in ihrem tieferen Wesenszusammenhang studiert wird. Das schrittweise Erleben dieser seelischen Bedeutungszusammenhänge ist unmittelbar mit der Heilkraft
der Übung gleichzusetzen.



Ein seelisch-aktives Studium verbindet sich mit den tieferen Inhalten, lernt diese in die Praxis zu integrieren und in der Folge beginnen neue und profunde Qualitäten durch das Üben aufgenommen bzw. geboren zu werden. Diese lebendige Praxis wird zu einem entwicklungsfreudigen und heilkräftigen Lernen und Wachsen. Damit beginnt die Heilwirkung nicht primär im Körper, sondern vielmehr in den aktiven und wartenden Möglichkeiten unseres Seelenlebens selbst, dass sich den seelisch-geistigen Zusammenhängen hinwendet, diese erforscht und sie auf ästhetische Weise wiederum im individuellen Leben zum Ausdruck bringt.





Literaturempfehlungen zu diesem Thema:

Heinz Grill:
‚Die Seelendimension des Yoga‘, Lammers-Koll-Verlag

‚Initiatorische Schulung in Arco -
Ein neuer Yogawille für ein integratives Bewusstsein
in Geist und Welt’ Lammers-Koll-Verlag

‚Das Wesensgeheimnis der Seele’ Lammers-Koll-Verlag

‚Ein neuer Yogawille’, Lammers-Koll-Verlag


Die Bilder der Übungen werden mit freundlicher Genehmigung des Lammers-Koll-Verlags veröffentlicht.