Die Ästhetik in der
Ãsana

Meine erste Begegnung mit Yoga bestand darin, dass ich vor vielen Jahren ein Buch von Heinz Grill durchblätterte in denen verschiedenste Yogaübungen dargestellt und in ihren Hintergründen erläutert wurden. (x1) Die Abbildungen berührten mich zutiefst und ich fragte mich, was wohl der Grund für diese außerordentliche Anziehung sei. Ich suchte nach Gründen, betrachtete sorgfältig die Übungen und dachte, ob es nicht an der vielleicht sehr präzisen und sorgfältigen Ausführung liegen könnte. Auch versuchte ich auf vielen Bildern eine Art geometrische Gesetzmäßigkeit zu erkennen, eine Symmetrie die vielleicht für den anmutigen und entgegenkommenden Ausdruck der Übungen verantwortlich sei – aber daran lag es nicht. Immer wieder stellte ich mir damals die Frage: Wie gelangt eine solche Ästhetik, Leichtigkeit und Anmut in die Übungen? Und ich ahnte doch: Ja, es liegt tatsächlich am Geist, an der Spiritualität die sich in ihrer Eleganz und Reinheit in den Übungen wie ein feinster Schimmer ausdrückt und der heute so selten zu finden ist. Es vergingen aber Jahre bis ich verstand wie nun dieser Geist auf nachvollziehbare Weise in die Übungen gelangt und diesen ihren einzigartigen Ausdruck verleiht.

Die Praxis von Yogaübungen erfreut sich heute allgemein großer Beliebtheit. Die ãsana können bei richtiger Ausführung auf relativ rasche Weise sehr umfassend die gesamte leibliche und psychische Kondition des Menschen deutlich verbessern und stabilisieren. Manche Übende legen dabei den Schwerpunkt mehr auf eine vitale, fast sportliche Praxis um den Körper intensiv zu trainieren, andere bevorzugen mehr eine meditative oder auch energetisch betonte Umgangsart mit den verschiedenen Yogaãsana. Auch wenn wir vielleicht Yogaübungen auf technisch sehr fortgeschrittene Weise ausführen können, so werden wir aber doch im Ausdruck die Ästhetik wie sie hier verstanden und an den nebenstehenden Abbildungen zum Ausdruck kommen noch nicht erreichen.


Das heutige Yogaverständnis im Spannungsfeld
zum Entwicklungswunsch der Seele

Eine wesentliche Signatur unserer heutigen Zeit und Gesellschaftskultur ist nun aber das Konsum- oder Nutzprinzip. Wir sind es gewohnt Dinge zu nützen und zu benützen. Dieses, wie es Erich Fromm ausdrückt ‚nehmende Prinzip‘ durchdringt jeden Bereich unseres Lebens und es äußert sich nicht minder auch in den Bereichen der Religion, Spiritualität und natürlich auch des Yoga. Auch wenn wir uns dem meist nicht wirklich bewusst sind, so mag unser Umgang mit Yogaübungen ebenso von dem ganz natürlichen Nutz- und Vorteilsprinzip geprägt sein: Wir Praktizieren die Übungen die uns gut tun und wir erfreuen uns an den vielfachen angenehmen Wirkungen die die
ãsana für uns freisetzen. Leider aber haben wir heute ein tieferes Verständnis für die Realität einer seelischen wie auch geistigen Dimension die unser Leben und eben auch die Yogapraxis umschließt fast gänzlich verloren. Es läßt sich sogar sagen, dass besagtes Konsumprinzip dem tiefen Entwicklungswunsch der Seele regelrecht entgegengesetzt ist.

Für eine zukünftige Umgangsart mit Yoga und Yogaübungen wäre es wünschenswert, dass wir jenen Sinn einer aktiven und bewussten Auseinandersetzung mit der inneligenden Dimension einer Übung kennenlernen. Diese lebendige Auseinandersetzung in einer regsamen Aktivität unserer seelischen Denk-, Empfindungs- und Willenskräfte übersteigt das mehr gewohnheitsmäßige Üben und wir erkraften in unserer seelischen oder auch schöpferischen Kapazität. Das Üben gewinnt eine neue Lebendigkeit und tiefere Ausdruckskraft.


Die Yogaübung besitzt eine körperliche, eine
seelische wie auch eine geistige Dimension

Eine
ãsana besitzt eine körperliche Ebene. Darüber hinaus aber trägt sie in sich eine feinere, objektive Empfindungsebene die wir als seelische Dimension der Übung zuordnen können. Schließlich lebt in der Übung eine konkrete innerste Sinnbedeutung, die wiederum mit der seelischen Erlebensform wie auch mit der körperlich-technischen Praxis in Zusammenhang steht. Heinz Grill hat in den letzten 30 Jahren diese tiefere seelisch-geistige Dimension des Yoga und der Übungen auf sehr differenzierte Weise herausgearbeitet und in verschiedensten Seminaren und Büchern sorgfältig dargestellt. In dem Ausdruck seiner Übungen offenbart sich auf künstlerische Weise genau jene tiefere Bedeutungsebene und schenkt der ãsana ihre Reinheit und meditative Expression. Genau aber diese tiefere Sinngestaltung und Auseinandersetzung mit einer Yogaübung aber scheint für unser Thema der Ästhetik eine zentrale Rolle zu spielen.


Die seelische und geistige Dimension
lässt sich nicht konsumieren


In Zeiten der alten Yogakultur waren die Menschen noch tief durchdrungen von dem metaphysischen Erleben der Übungen. Eine asana rein um ihres Nutzwertes auszuführen wäre den Menschen nicht in den Sinn gekommen. Vielmehr erlebten sie in der Praxis noch eine tiefere und reale seelische Verbindung zu dem sogenannten Kosmos und den geistigen Welten und so erlebten sie auch die Übung im Lichte eines geistigen Zusammenhags. Heutzutage aber ist dies Wissen verloren gegangen und die Übungen stehen wie beschrieben zumeist nur noch im Lichte einer körperlichen Wahrnehmung und wir suchen auch fortwährend den Erfolg über den Körper und die Technik zu gewinnen. Der Yoga wird sozusagen in seiner heutigen Praxis leider allzu oft zum Spiegel eines materialistischen Nutzprinzips und bleibt somit sehr eng an den Körper und an die subjektive Wahrnehmung gebunden. In der hier in ersten Schritten skizzierten gestaltenden und bewusstseinsaktiven Auseinandersetzung mit geeigneten Inhalten und Hintergründen zu den Übungen müssen wir uns zu einem gewissen Grade in unseren Gewohnheiten und vorschnellen Bewertungen, Sympathien und Antipathien zurückhalten lernen und uns mit forschendem und aufmerksamen Blick einer vielleicht noch unbekannten aber realen seelisch-geistigen Dimension hinwenden.
Die seelisch-geistige Dimension einer Yogaübung lässt sich nicht nach den gewohnten Nutzprinzipien verstehen. Sie erfordert geradewegs eine Art aktive Umkehrung unserer oftmals passiven oder rezeptiven Bewusstseinshaltung.


Die Bedeutung eingeweihter Persönlichkeiten

An dieser Stelle ist auf die wesentliche Bedeutung eingeweihter Persönlichkeiten hinzuweisen, d.h. auf Menschen, die in einer seelisch-geistigen Erkenntnissicht tief und profund gegründet waren oder sind. Dies war z.B. im Osten Sri Aurobindo, der den sog. integralen Yoga konzipierte – eine Art Neuformulierung des Yoga für die gegenwärtige Zeit unter Einbeziehung einer tiefen Kenntnis der bisherigen Quellen des Yoga. Im Westen ist hier im Besonderen Rudolf Steiner zu nennen, der mit seiner durch ihn entwickelten Anthroposophie quasi jeden Lebensbereich mit spirituellen Aspekten detailliert erweitern und für unsere heutige Zeit auf sinnvolle Weise für das Leben integrierfähig machen konnte.

Als eine bedeutende Persönlichkeit auf dem Gebiet des Yoga ist auch der bereits erwähnte spirituelle Lehrer Heinz Grill zu nennen, dem diese Seit hier maßgeblich gewidmet ist. Heinz Grill, der nicht aus der Anthroposophie entstammt, sondern unabhängig davon seine geistige Kapazität errang, griff wesentliche Gedanken von Rudolf Steiner auf mit dem Ziel zeitgemäße Übungsansätze aufzuzeigen wie die geistige Substanzialität des Menschen auf schöpferisch-gestaltende Weise herangebildet und sozialfähig in das Leben integriert werden kann.

Auf diese großen Persönlichkeiten, in denen sich eine authentische geistige Kapazität auf reife Weise ausdrückt, sollten wir in unserer Zeit wieder einen wertschätzenden und anerkennenden Blick richten.

Gerade diese tiefe und errungene Einheit eines solchen Menschen mit einer geistigen Erkenntnis die sich durch die ganze Person und sein Werk auf authentische Weise ausdrückt ist so bedeutungsvoll. So wie in den Bildern des große Renaissance-Malers Raffael nicht nur alleinig eine technische Perfektion lebte, sondern ein tiefstes Wissen um die geistigen Zusammenhänge zum Ausdruck kam, so spiegelte sich dies in seinen Bildern zutiefst wider. Ebenso läßt sich diese tiefe Ästhetik, Reinheit und Unberührtheit auch in den von Heinz Grill ausgeführten Yogadarstellungen erleben.

Wenn nun aber in diesen großen Persönlichkeiten diese geistige Kapazität auf so reife Weise in ihrem Leben und Werk zum Ausdruck kommt und zu einer großen Inspirationskraft werden können, so stellt sich doch für uns die Frage: Was aber kann der einzelne Yogapraktizierende nun konkret tun, dass auch sein Üben, das Licht einer wachsenden Ästhetik und Schönheit gewinnt? Wie gelangt man selber zu ersten tieferen Erlebensformen die sich auch in einer den Übenden durchdringenden Substanz äußert und neue Entwicklungshorizonte eröffnet?


Die praktische Herangehensweise
zur Entwicklung von Ästhetik in der asana

Zunächst einmal wählen wir eine Übung, deren Dimension wir gerne tiefer kennenlernen und erfahren möchten. Wir wollen bspw. die Übung des Halbmondes (anjaneyãsana) genauer kennenlernen (siehe zweite obige Abbildung - hier auf fortgeschrittene Weise und mit weiteren Variationen dargestellt). Vielleicht kennen wir die Übung schon etwas und kommen zu einer ersten unkomplizierten uns möglichen Ausführung.

In begleitender Literatur wie sie von Heinz Grill zu den Yogaübungen beschrieben wird
(x2), stoßen wir auf den Zusammenhang, dass eine sogenannte Gliederung der ãsana von wesentlicher Bedeutung sein kann. Für den Halbmond bedeutet dies, dass wir zunächst im Beinstand auf ein ruhiges und tiefes Einsinken des Beckens Richtung Boden achten und uns dabei in der Kreuzbeinregion kontrahieren. Es bildet diese Beindynamik sozusagen die ruhende und bodennahe Basis der Übung. Weiterhin achten wir auf ein aktives und dynamisches Ausgleiten des Rückens aus der Region des Sonnengeflechtes. Die Schultern bleiben entspannt und der Atem bewahrt einen freien Fluss. Mit dieser Vorstellung einer Dreigliederung der Übung beginnen wir diese erneut auszuführen.

Wir bemerken dabei wie diese differenzierte Ausführung das Erleben der Übung verändert. Ein möglicherweise mehr kompaktes Körpergefühl weicht einer feineren und gegliedertem Wahrnehmung - dies sowohl gegenüber dem Körper als auch gegenüber der Außenwelt.

Heinz Grill erwähnt in diesem Zusammenhang die geistige Gesetzmäßigkeit, dass um eine wachsende Einheit sowohl mit der Übung als auch mit der Außenwelt zu erfahren, eine gegliederte Wahrnehmung und Bewusstseinshaltung notwendig ist. So wie man eine Yogaübung gliedern kann, so läßt sich ebenso unser Bewußtsein in seinen Grundkräften gliedern. Für gewöhnlich sind unser Denken, unser Fühlen, wie auch unsere Willenskraft sehr undifferenziert vermischt. Der Yogaübende lernt eine ruhige und sorgfältige Vorstellungstätigkeit zur Übung aufzubauen. Gleichzeitig bewahrt er eine umsichtige und wachsame Empfindung und lernt dabei seine Willensdynamik genau an der richtigen Stelle einzusetzen.

Mit diesen die Übung erweiternden Vorstellungen begibt sich der Übende erneut in die Ausführung und hält jedoch auf sorgfältige Weise eine gedankliche Führung und Gliederung im Bewusstsein aufrecht. Der Ausführende erlebt nun wie sein aktives Bewusstsein an der Übung gestaltend arbeitet und sich die
ãsana langsam in ihren tieferen Zusammenhängen zu öffnen beginnt. Neue Empfindungen, die nicht aus der subjektiven Innenwelt stammen werden gebildet und man erlebt sich tiefer mit der metaphysischen Dimension der Übung verbunden. Das Üben erweitert sich von einer rein körperbezogenen Praxis zu einer den ganzen Menschen gestaltenden und erweiternden Seelen- und Bewusstseinsübung.


Das Üben als Ausdruck eines schöpferischen
und gestaltenden Aktivseins


Es ist diese Anschauungsbildung Ausdruck eines aktiven und bewusst vorgenommen Denkprozesses. Der ausgesagte Gedanke wird zu einer möglichst konkreten bildhaften Vorstellung aufgebaut und diese wird für einige Zeit ruhig und betrachtend ohne Bewertungen gedacht. Wir erschaffen also selber im eigenen Denkprozess den konkreten ausgesagten Inhalt ohne ihn zu verändern. Dieser Schritt ist sehr wichtig, da er nicht in den subjektiven Erfahrungen des Übenden beginnt, sondern erst einmal – und das ist so wesentlich – außerhalb des Bekannten und Persönlichen ansetzt.

Wir werden sehr bald merken, dass nun das Erleben des Körpers und der Übung ein anderes wird. Dieses Erleben könnten wir tatsächlich als bildhaft beschreiben. Eine erste seelische oder geistige Dimension wird auf bewusste Weise in die Übung hineingeführt ungestaltet diese. Der Körper weicht durch diese Art des Praktizierens auf angenehme Weise zurück. Das Leben gewinnt durch diese schöpferische Auseinandersetzung eine hinzukommende Qualität der Verbindung und wachsenden Empathie und schenkt gleichsam eine Ruhe und Innerlichkeit im eigenen Wesen.

So wie ein Bildhauer an seiner Skulptur arbeitet, so arbeitet der so Praktizierende mit dem Meißel seines Bewusstseins an der Übung und das Ergebnis wird in zunehmender Weise immer ästhetisch sein. Die Ästhetik ist somit das Ergebnis einer schöpferischen Auseinandersetzung mit inspirativen Gedanken und drückt sich als eine Art Schönheit, Reinheit und Unaufdringlichkeit über den Körper aus.

Diese Ästhetik ist es, die in dem Werk und der Person von Heinz Grill zutiefst lebt und ihr eine einzigartige Authentizität, Freiheit und Würde verleiht. Erst wenn wir erkennen, welche hohe Dimension es bedeutet, dass das Geistige bis zu einer reifen und freien Manifestation in der Individualität des Menschen gelangt, werden wir die Größe solch eingeweihter Menschen erahnen – Menschen in einer wirklichen Einheit von Geist und Welt, von Werk, Mensch und Spiritualität.





„Die Wahrheit des Geistes schenkt die stille Schönheit in der ãsana, sie schenkt die Faszination und Anziehungskraft der ruhenden Haltung und dynamischen Bewegung. Wäre sie nur eine erdachte oder in der Theorie angenommene Wahrheit, so müßte sie fern vom sichtbaren Körper in einer getrennten Idee existieren. Die Wahrheit ist die realisierte und gelebte, göttliche Seinsexistenz im erhabenen Selbst und sie wird durch den Körper zur lebendigen Liebe.“

Heinz Grill















x1 - Heinz Grill - Die Vergeistigung des Leibes
(Lammers-Koll-Verlag)

x2 - Heinz Grill - Die Seelendimension des Yoga
(Lammers-Koll-Verlag)

Heinz Grill - Der Neue Yogawille
(Lammers-Koll-Verlag)

Die Bilder der Übungen werden mit freundlicher Genehmigung des
Lammers-Koll-Verlags veröffentlicht.