Der Sektenvorwurf versus der freien Individualität des Menschen


Der mißbräuchliche Umgang mit dem Begriff Sekte

Wie ein Zündfunke der Angst mag die Aussage ihre stigmatisierende Wirkung nicht verfehlen: Diese oder jene Person sei in einer Sekte. Und dabei reicht es aus keinerlei oder nur spärliche Zusammenhänge zu nennen, welche die angebliche Sektenzugehörigkeit oder das so sektiererische Gebaren genauer charakterisieren würden. Allein der Begriff Sekte ist mit einer unheimlichen Substanz aufgeladen, weil: Niemand will wohl gerne einer Sekte angehören oder auch nur etwas damit zu tun haben. Begegnet man einem Menschen von dem es heißt er sei einer Sekte zugehörig, wird man diesem wohl kaum noch unvoreingenommen begegnen, bzw. den Kontakt wohl eher gänzlich meiden.

Die im Auftrag der Bundesregierung 1996 eingesetzte Enqu
ête-Kommission zum Thema der sogenannten Sekten und Psychogruppen veröffentlichte 1998 in ihrem Bericht, dass es sich bei den besagten Gruppierungen um nur 0,5% der Bevölkerung handele. Weiterhin wurden die meisten Gruppierungen als harmlos und für Staat und Gesellschaft ungefährlich eingestuft. Zwar gebe es Erscheinungen wie Scientology oder Satanskulte, im Großen und Ganzen würden die ‚neuen‘ religiösen und weltanschaulichen Bewegungen aber keine Auffälligkeiten zeigen. Sicher mag es heute sehr fragwürdige und durchaus auch bedenkliche Erscheinungen auf esoterischer oder alternativ-andersdenkender Ebene geben. Blickt man hingegen auf die umfassende Organisation sogenannter beratender oder aufklärender Instanzen der verschiedenen kirchlichen Sektenreferate oder Seiten wie AGPF oder Psiram, kann einem leicht schwindelig werden, in welcher Weise verschiedenste Personen und Gruppierungen, bzw. andersdenkende Menschen, die nicht dem konventionellen Credo
von Wissenschaft oder Kirche folgen, entweder lächerlich gemacht oder gar kriminalisiert werden.

Es sollte der kritische Blick viel stärker auf jene Personen und Institutionen gerichtet werden, die sich bereits auf dem Richterstuhl wähnen und meinen andere Ansichten und Menschenbilder und sich mit diesen auseinandersetzenden Personen so abscheulich verunglimpfen zu können. In der bewussten Instrumentalisierung des Vorwurfes einer angeblichen Sektenzugehörigkeit mit ihrer immanenten Ausgrenzung und Entrechtung der Individualität liegt eine schwere Verletzung der Persönlichkeitsrechte und dies sollte juristisch wesentlich schärfer geahndet werden.

Der emeritierte Professor Marin Kriele, ehemals Staatsrechtslehrer und Richter am Verfassungsgericht in Nordrhein-Westfalen, sprach in diesem Zusammenhang von regelrecht faschistischen Zügen einer Sektenjagd - einer Rufmord- und schamlosen Diskriminierungskampagne gegenüber Andersdenkenden. Dies ganz besonders vorangetrieben durch die etablierten Kirchen, welche sich als die objektiven und wahrheitssouveränen Instanzen verstehen, die sehr wohl beurteilen könnten, was richtig und falsch sei.

Es mag auf der einen Seite eigentümlich auf der anderen Seite nicht verwunderlich sein, dass durch die Enqu
ête-Kommission aufgestellte Strukturelemente von sogenannten ‚neuen‘ religiösen und ideologischen Gemeinschaften nun gerade auf unsere institutionalisierten Kirchen hervorragend zutreffen:


1) „Eine als Leiter, Meister, Offenbarungsquelle, Heils- oder
Heilungsvermittler angesehene Person als zentrale
Bezugsquelle.“

2) „Ideen, Lehren, Überzeugungen, Anschauungen, …die mehr
oder minder von der als Bezugspunkt gesehenen Zentralperson
stammen oder auf diese zurückgeführt werden.“

3) „Rettende, heilsame, heilende, im weitesten Sinne förderlichen
Wirkungen…, die von der Zentralperson ausgehen.“

4) „Praktiken und Rituale.“

5) „Eine Gefolgschaft die davon wesentlich mitbestimmt ist.“

6) „Unterscheidung in der Gefolgschaft nach Nähe oder Ferne zur
Zentralperson und oft damit verbundenen Kompetenzen
lehrmäßiger, lebensbestimmender und administrativ-
organisatorischer Struktur.“

7) „Abgrenzung“ nach außen und „mehr oder minder intensive
Beziehung nach innen.“

8) „Anforderungen, die sich aus der Lehre ableiten.“, „gruppeninterne
Handlungsorientierungen“, „Wirkung in die weitere Gesellschaft.“


Der Neue Yogawille von Heinz Grill als Beispiel eines zukunftsweisenden und in das soziale Leben integrierfähigen Umgangs mit Spiritualität

Da nun aber von Kritikern - und dies sind vor allem Anhänger des traditionellen Kirchensystems - die Person von Heinz Grill und der von ihm geschaffene Neue Yogawille gerne in ein sektiererisches Licht gerückt wird, soll nun an wenigen Aspekten aufgezeigt werden, wie es sich bei diesem Übungsweg doch geradewegs um das gänzliche Gegenteil allen sektiererischen Verhaltens handelt. Ganz besonders soll hier betont werden, dass sich Heinz Grill von jeher massiv gegen Sektenvorwürfe gewehrt hat und stets für allen konstruktiven Dialog offen war und ist. Dieser offene Dialog bleibt aber leider von kritischer Seite zumeist verwehrt und so verbleiben nur diffamierende und projektive Hetzereien von Gegnerschaften, die aller Würde und Pietät entbehren.

Nun läßt sich die Frage stellen, wie ein zeitgemäßer und verantwortlicher Umgang mit Spiritualität aussehen kann, welcher die Freiheit, Würde und Eigenständigkeit des individuellen Menschen in Kongruenz mit den Gesetzmäßigkeiten der seelisch-geistigen Entwicklung führt?

Wer Heinz Grill und sein Werk kennt, weiß wie sehr er sich für Freiheit, Eigenverantwortung und die Entfaltung des eigenaktiv-schöpferischen Potentiales des Menschen einsetzt und wie sehr ihm alles Gurutum und Abhängigkeitsverhältnisse zuwider sind. Dass sich ganz besonders die etablierten Kirchen an diesem spirituellen Impuls reiben mögen ist natürlich gut nachvollziehbar. Geht es doch in diesem Übungsweg zentral um die Entfaltung der schöpferischen Kräfte des individuellen Menschen dem eine eigene Erkenntnisfähigkeit zugestanden wird. Das Geistige oder Spirituelle wird somit nicht getrennt vom Menschen gedacht, sondern hängt gegenteilig sogar zutiefst mit der Entfaltung seiner seelischen und geistigen Kapazität zusammen.


Die Individuation als Gegenteil der Sukzession

Dem traditionellen Prinzip der Kirche oder auch vielen östlichen Glaubensprinzipien, nämlich dem der sogenannten Sukzession, stellt Heinz Grill das Prinzip der Individuation entgegen. Sukzession bedeutet, dass bspw. der Priester ab dem Augenblick in dem er geweiht wird über eine spirituelle Kapazität und Autorität verfügt, weil er offiziell in dieses ’Amt’ gehoben wird. Er sei dann auch geistig bevollmächtigt, weil ihm ein Titel oder ein Amt z.B. durch ein Ritual übertragen wird. So versteht man bspw. den Papst als Nachfolger Petrus gleichermaßen als Stellvertreter Christi, in dem Augenblick in dem er in dieses Amt gewählt wird. Im Verständnis der Individuation folgt der Aspirant nicht mehr einer reinen Glaubenslehre, einem Bekenntnis oder einer hierarchischen Einordnung, sondern dieser lernt die eigenen Seelenkräfte in Verbindung mit einem Studium authentischer Quellen zu trainieren und in die bewußte Entwicklung zu führen. Auf diese Weise erfolgt die spirituelle Autorität nicht durch eine bloße Weihe oder Übertragung, sondern sie ist die schrittweise Folge der eigenen errungenen Reife und Erkenntinskraft.

Von allem Anfang an wird auf diesem Übungsweg größter Wert auf die Stabilisierung bzw. Förderung des individuellen Standpunktes gelegt. Nicht eine Lehre soll übernommen oder einfach geglaubt, geschweige denn als Dogma befolgt werden. Auch folgt der Aspirant nicht irgendwelchen fremden Autoritätsverhältnissen. Es bestehen keine Hierarchien oder autoritäre Positionen auf Basis der Sukzession wie bspw. in der katholischen Kirche. Vielmehr lernt der Übende von ihm gewählte Lebens- oder Fachbereiche, wie bspw. den der Heilkunde, der Pädagogik oder auch des Yoga unter einer erweiterten Sinngebung und spirituellen Perspektive zu durchdringen und mit neuen Möglichkeiten langsam zu erweitern, zu gestalten und auf praktische Weise in das tägliche Leben integrativ hineinzuführen. Dieser Individuationsprozess sucht nun regelrecht seine natürliche Integration in das tägliche und soziale Leben. Der einzelne Mensch oder Übende übernimmt für sein gesamtes Tun und Lassen die volle und eigenständige Verantwortung. Dass der Übungsweg keineswegs weltenfeindlich sondern gerade gegenteilig kultur- und sozialerbauend wirken möchte, kann als charakteristisch für die Bewegungsrichtung des
Neuen Yogawillen bezeichnet werden. Heinz Grill benennt diese gestaltende Förderung und sozialintegrative Aufbaukapazität des einzelnen Menschen mit dem von ihm bezeichneten Ausdruck des sozialen Prozesses. Es ist zu betonen, dass damit nie und in keinster Weise eine missionarische bzw. überzeugende Haltung gemeint ist. Der Übende des Neuen Yogawillens lernt sozusagen sein Ich oder seine schöpferischen Kräfte so gestaltend zu gebrauchen, dass dadurch die zwischenmenschliche Begegnung zu neuen Möglichkeiten des Aufbaus gedeihen kann.

Die Entfaltung und bewußte Entwicklung der Individualität und seelischen Kapazität des Menschen einerseits, wie auch die Förderung einer verbindenden und gesunden Sozialität andererseits, bilden nun gerade zentrale Werte im gesamten Werk Heinz Grills. Darin charakterisiert sich auch im Besonderen die Bewegungsrichtung seiner Neuformung des Yoga und allgemein eines zeitgemäßen seelisch-geistigen Übungsweges: Nicht aus der Welt heraus, sondern geradewegs integrativ und freiheitlich in das Leben und seine vielfachen Ausdrucksgebiete hinein könnte man die Motivrichtung bezeichnen. Wie kann Spiritualität in authentischer Weise in eine Synthese, ja sogar Befruchtung und Erweiterung mit den verschiedenen Lebensbereichen finden? Rudolf Steiner hat mit seiner Anthroposophie hierauf bereits sehr wesentliche Antworten gegeben. Die Waldorfpädagogik, die anthroposophische Medizin oder auch der Demeter-Landbau zeugen von einer praktischen Durchdringung unterschiedlicher Lebensgebiete auf der Grundlage eines seelisch-geistigen Menschenbildes und sie drücken aus, wie erste Umsetzungsschritte einer erfolgreichen Synthese zu einem fruchtbaren Kulturimpuls und Kulturaufbau führen können.

Auch wenn Heinz Grill nicht in der Anthroposophie beheimatet ist, so knüpft er doch oftmals an dieser an, weil durchaus das Menschenbild der Anthroposophie mit dem, wie es im Neuen Yogawillen von Heinz Grill verstanden wird als kongruent beschrieben werden kann. Auf der Basis dieses Menschenbildes möchte Heinz Grill konkrete und praktische Ansätze aufzeigen, wie verschiedenste Lebensgebiete mit spirituellen Inhalten durchdrungen, erweitert und sinngebend gestaltet werden können. Das Studium und praktische Übungsfeld spiritueller Zusammenhänge wird zu einem den ganzen Menschen individualisierenden und sozialisierenden Übungsweg.